Warum Selbstorganisation klare Rollen braucht
In klassischen Organisationen sind Aufgaben an Stellen gebunden. Eine Person hat eine Position, diese Position hat einen festen Aufgabenbereich – und meistens bleibt beides lange unverändert.
In einer selbstorganisierten Organisation funktioniert das anders. Hier geht es nicht darum, möglichst viele Stellen zu schaffen, sondern Verantwortung sichtbar und beweglich zu organisieren.
Eine Rolle entsteht, weil etwas gebraucht wird. Sie hat einen klaren Zweck, konkrete Verantwortlichkeiten und einen bestimmten Entscheidungsbereich. Eine Person übernimmt diese Rolle für eine gewisse Zeit, sie besitzt sie jedoch nicht.
Das ist der entscheidende Unterschied: Solange der Bedarf besteht, bleibt die Rolle bestehen, auch wenn die Person wechselt. Eine Rolle kann geteilt, weiterentwickelt oder beendet werden, wenn sich der Bedarf verändert.
Eine Rolle braucht einen Zweck
Eine Rolle ist mehr als eine Bezeichnung. Sie beantwortet einige einfache Fragen:
- Wofür gibt es diese Rolle?
- Was gehört zu ihrem Verantwortungsbereich?
- Was darf sie selbst entscheiden?
- Wo liegen ihre Grenzen?
- Mit welchen anderen Rollen muss sie sich abstimmen?
Ohne diese Klarheit werden „Rollen“ nur zu einem neuen Etikett für ungeklärte Zuständigkeiten. Dann ist nicht erkennbar, wer tatsächlich Verantwortung trägt. Aufgaben werden doppelt erledigt oder bleiben liegen. Menschen übernehmen Dinge, die niemand mit ihnen abgestimmt hat, während andere nicht wissen, wo ihr Beitrag gebraucht wird.
Eine klare Rolle schafft deshalb keinen engen Käfig. Sie schafft Orientierung.
Dazu gehört auch ein klares Mandat: ein nachvollziehbarer Entscheidungsbereich, innerhalb dessen die Person eigenständig handeln kann. Eine Rolle ohne Mandat ist keine echte Verantwortung, sondern nur eine Erwartung.
Eigeninitiative oder Selbstzuweisung?
In selbstorganisierten Gruppen entsteht leicht die Vorstellung, jeder könne sich einfach selbst eine Rolle schaffen: „Ich übernehme diesen Bereich“ oder „Das ist jetzt meine Rolle.“
Darin liegt ein wertvoller Impuls. Selbstorganisation bedeutet, dass Menschen nicht auf eine formelle Ernennung warten müssen, wenn sie erkennen, dass etwas gebraucht wird. Sie können eine mögliche Rolle vorschlagen oder vorläufig Verantwortung übernehmen.
Aber eine Rolle wird nicht dadurch zu einer legitimen Rolle, dass jemand sie für sich beansprucht.
Problematisch wird es, wenn eine Person aus persönlichem Interesse einen Bereich an sich zieht, ihre eigene Tätigkeit anschließend als offizielle Rolle bezeichnet und erwartet, dass sich alle anderen darauf einstellen. Dann wird aus Eigeninitiative Selbstzuweisung – oder sogar Selbstermächtigung.
Eine selbst initiierte Rolle braucht deshalb Rückkopplung. Das relevante Umfeld muss prüfen können:
- Wird diese Rolle tatsächlich gebraucht?
- Überschneidet sie sich mit einem bestehenden Verantwortungsbereich?
- Welche Aufgaben und Grenzen gehören dazu?
- Welchen Entscheidungsbereich braucht sie?
- Wer muss über ihre Arbeit informiert sein?
Eine Rolle kann zunächst vorläufig und aus eigener Initiative entstehen. Ihre Legitimität entwickelt sich aber erst, wenn ihr Zweck sichtbar ist, der Beitrag gebraucht wird und das relevante Umfeld die Rolle anerkennt.
Selbstorganisation bedeutet also nicht: Jemand macht, worauf er Lust hat, erklärt das anschließend zu seiner Rolle und erwartet, dass sich die anderen darauf einstellen. Aus persönlichem Interesse wird organisatorische Verantwortung – ohne gemeinsame Klärung.
Das ist keine tragfähige Selbstorganisation. Das ist Selbstzuweisung.
Menschen erkennen, wo etwas gebraucht wird, schlagen eine Rolle vor und übernehmen vorläufig Verantwortung – innerhalb eines gemeinsam geklärten Rahmens und mit Rückkopplung an das Umfeld. So bleibt Eigeninitiative möglich, ohne dass persönliche Interessen oder Machtansprüche als Selbstorganisation ausgegeben werden.
Rollen sind kein persönlicher Besitz
Eine Rolle gehört nicht der Person, die sie gerade innehat. Menschen übernehmen Rollen, solange sie gebraucht werden und jemand bereit und in der Lage ist, die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen.
Sie können eine Rolle weiterentwickeln, teilen, abgeben oder an jemand anderen übergeben. Das macht eine Organisation beweglich und verhindert, dass Wissen und Verantwortung dauerhaft an einer Person hängen.
Problematisch wird es, wenn jemand aus einer Rolle ein persönliches Gebiet macht. Dann werden Informationen zurückgehalten, Entscheidungen allein getroffen und andere als Einmischung erlebt. Die Rolle wird zum Machtbereich.
Eine selbstorganisierte Rolle funktioniert anders. Ihr Zweck ist sichtbar, ihr Verantwortungsbereich verständlich und ihr Entscheidungsraum nachvollziehbar. Wer sie übernimmt, erhält Handlungsspielraum – aber keinen privaten Besitzstand.
Autorität gehört zur Rolle und nicht automatisch zu der Person, die sie ausfüllt. Wenn eine Rolle weitergegeben wird, wandert auch die Verantwortung mit der Rolle weiter. Das setzt voraus, dass Informationen geteilt und Übergaben bewusst gestaltet werden.
Flexibel heißt nicht beliebig
Rollen dürfen sich verändern. Das ist ein wichtiger Vorteil gegenüber starren Stellenbeschreibungen. Wenn sich ein Projekt entwickelt, können neue Rollen entstehen und bestehende Rollen sich verändern.
Flexibilität bedeutet jedoch nicht, dass jeder jederzeit alles übernehmen kann. Eine Rolle braucht weiterhin Klarheit. Sonst wird Freiheit zur Belastung für diejenigen, die versuchen, den Überblick zu behalten.
Eine Rolle ist dann tragfähig, wenn sie gebraucht wird, ihr Zweck verständlich ist und die Verantwortung für andere sichtbar bleibt. Dazu gehören auch ein klarer Entscheidungsbereich, verlässliche Informationen und eine Möglichkeit, die Rolle im Umfeld zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
Rollen schaffen Verbindung
Klare Rollen dienen nicht nur der Abgrenzung. Sie erleichtern auch Zusammenarbeit.
Wenn Menschen wissen, wer welchen Bereich trägt, müssen sie nicht alles selbst kontrollieren. Sie können Informationen gezielt weitergeben, Unterstützung anbieten und Entscheidungen dort treffen lassen, wo Wissen und Verantwortung liegen.
So entsteht keine starre Aufteilung, sondern ein bewegliches Gefüge. Rollen können sich überschneiden, ergänzt und neu verteilt werden. Entscheidend ist, dass diese Veränderungen sichtbar und nachvollziehbar bleiben.
Eine Rolle wird nicht dadurch legitim, dass jemand sie für sich beansprucht. Sie wird legitim, wenn klar ist, welchem Zweck sie dient, welche Verantwortung und welches Mandat dazugehört und wie sie im relevanten Umfeld verankert ist. Selbstorganisation bedeutet deshalb nicht, dass jeder macht, was er möchte. Sie bedeutet, dass Menschen innerhalb eines klaren Rahmens eigenständig Verantwortung übernehmen. Rollen ersetzen keine Verantwortung – sie machen sie sichtbar.


